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Kirche am Markt

Geschichte vom Kirchspiel Niendorf

Foto: Salomon-Prym

 

Niendorf, Hamburg und Dänemark

Viele ältere Niendorfer sind noch als echte Schleswig-Holsteiner geboren worden. Denn Niendorf kam mit Schnelsen, Lokstedt und vielen anderen Dörfern erst 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz zur Hansestadt. Ja, vor 200 und mehr Jahren gehörte Niendorf zur Grafschaft Pinneberg und damit dem dänischen König. Eppendorf aber, Eimsbüttel und Fuhlsbüttel sind schon seit Jahrhunderten hamburgisch.

Kirchlich gesehen allerdings hat die Zugehörigkeit der Niendorfer zu Hamburg Tradition. Das Gemeindegebiet der Eppendorfer St. Johanniskirche schloss ursprünglich die Dörfer an der Kollau ein.

Aber das Verhältnis zwischen Niendorfern und Eppendorfern war gespannt. 1751 sollte die Eppendorfer Kirche ein neues Gestühl erhalten - aber nur für die Hamburger Gemeindeglieder. Die Niendorfer Jugend war verstimmt, brach in der Nacht vor der Einweihung in die Kirche ein und zerstörte das Gestühl.

Dem dänischen König Christian VII. (1766-1808) missfiel schon lange, dass die Kirchensteuern nach Hamburg flossen und der Senat die Patronatsrechte besaß. Im Gottorper Vergleich 1768 verzichtete er auf seine Ansprüche an Eppendorf. Im Gegenzug wurden die dänischen Dörfer Lokstedt, Niendorf, Schnelsen, Eidelstedt, Langenfelde, Stellingen und Hummelsbüttel ausgepfarrt und mit ihnen 1769 das Kirchspiel Niendorf gegründet.

 

Bau der Kirche

Am 2. Juni 1769 wurde der Grundstein zur Kirche in Niendorf gelegt. Propst Ahlemann predigte über 1. Mose 28, Verse 17 und 28: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels ... Dieser Stein, den ich aufgerichtet habe, soll ein Gotteshaus werden." Als Architekt wird ein gewisser Heinrich Schmidt genannt, offensichtlich ein Schüler des bekannteren Cai Dose, der seinerseits die Achteckkirchen in Hörnerkirchen und Rellingen baute. Ganz im Sinne der Aufklärung, die die Belehrung des Volkes durch die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellte, bekam die Kanzel einen zentralen Ort - über dem Altar und unter der Orgel.

Am 29. Mai 1770 konnte die Glocke am Turm angebracht werden. Heute steht sie auf einem Sockel hinter der Kirche. Und am 14. November wurde die Kirche eingeweiht.

Zunächst stand auch ein Taufbecken in der Kirche. Doch aus Platzgründen schwebt seit 1783 ein Taufengel zu den Taufgottesdiensten von der Decke herab.

 

Pastor Rist

Der erste Pastor des Kirchspiels war Johann Christoph Friedrich Rist (1770-1807), ein Glücksfall für die junge Gemeinde. Er war nicht nur ein musischer und gebildeter Mann, der sieben Sprachen beherrschte. Er hatte auch einen guten Kontakt zu den Menschen und besuchte sie häufig in ihren Häusern. Das war keine leichte Aufgabe, war er doch meistens zu Fuß unterwegs, und das in einem Gemeindegebiet, das von Lokstedt und Stellingen bis Hummelsbüttel reichte. Darüber hinaus war der Niendorfer Pastor - bis 1919 übrigens - gleichzeitig Schulinspektor.

Das Pastorat aber muss furchtbar gezogen haben. Schon wollte Pastor Rist die Gemeinde verlassen, als die Gemeinde doch 1777 umfangreiche Renovierungsmaßnahmen durchführte.

1803 bekam der Pastor eine Hilfe in der Person des Kuhlengräbers und Kirchenknechtes Joh.-Jochim Jürs, dessen Nachfahren bis heute mit dem Friedhof verbunden sind.

Als Pastor Rist starb, wurde über seinem Grab ein Opferstock aufgestellt mit der Inschrift „Für verschämte Arme im Kirchspiele Niendorf". Dieser Opferstock steht jetzt vor dem Haupteingang der Kirche. Der Grabstein aber wurde später auf dem „Pastorenfriedhof" hinter dem Mahnmal aufgestellt.

 

 Die Franzosenkriege

Vier Jahre nach dem Tod Pastor Rists begann die schwerste Zeit in der Geschichte Niendorfs seit dem 30-jährigen Krieg. Die Umgebung Hamburgs wurde zu einem bevorzugten Aufmarschgebiet der europäischen Armeen in den Franzosenkriegen 1811-1814. Niendorf hatte besonders unter den Einquartierungen und Raubzügen der Soldaten zu leiden. Die damals 4.500 Einwohner mussten bis 2.500 Menschen aufnehmen. In der Kirche wurde für mehrere Wochen Pulver gelagert; der Gottesdienst musste im Pastorat stattfinden.

Pastor Voigt (1807-1824) protestierte gegen diese Maßnahme, doch er bekam den Bescheid: Die Lagerung von Pulver in Privathäusern sei zu gefährlich, und im übrigen gingen die Interessen des - in diesem Fall dänischen - Königs in jedem Fall vor.

Konnte Pastor Rist sich noch finanziell auf das kleine Vermögen seiner Frau und die Erträge des Pfarrlandes stützen, so stellten in dieser Notzeit der dritte Teil der Kollekte die einzigen regelmäßigen Einkünfte des Pastors dar. Seine Witwe musste nach seinem Tod gar mit dem zehnten Teil dieses mageren Gehalts auskommen.

 

Zwischen Dänemark und Deutschland

Auch in den folgenden Jahrzehnten kam das Dorf nicht ganz zur Ruhe. Am deutsch-dänischen Krieg 1848/51 nahmen eine Reihe von Niendorfern teil. Unter ihnen war auch der Heimatdichter Joachim Mähl. In seinem Roman „Jean" beschreibt er auch den Pastor des Ortes Friedrich Bartelsen (1825-1855). Der war nicht nur volkstümlich und immer zu einem Klönschnack bereit, er soll auch ein streitbarer Mann gewesen sein, so recht nach dem Geschmack der Niendorfer Bauern.

Im 2. Schleswig-Holsteinischen Krieg kämpften wieder Männer aus dem Kirchspiel auf der Seite der Deutschen; eine Tafel in der Kirche erinnert an die Gefallenen. Pastor Sörensen (1857-1880) las zum ersten Mal die Fürbitte für den preußischen König.

In seine Zeit fiel auch die Abschaffung des Klingelbeutels. Seit 1875 sollten die Niendorfer Kirchgänger nicht mehr so unmittelbar bedrängt werden und konnten ihre Kollekte in die Becken am Ausgang geben.

 

Übergang ins 20. Jahrhundert

Die Dörfer im Hamburger Umland wurden immer beliebter. Am Ende des Jahrhunderts hatte die Gemeinde bereits 11.000 Mitglieder - zuviel für den Pastor Rohde (1881-1892), der zudem noch kurz nach Amtsantritt krank wurde. 1890 wurde dann auch die Gemeinde Stellingen, zu der damals Langenfelde und Eidelstedt gehörten, ausgepfarrt.

Die Um- und Aufbauarbeit zur Jahrtausendwende lag in den Händen von Pastor Behrend (1893-1924). Kurz nach seinem Amtsantritt kam Hummelsbüttel zu Fuhlsbüttel - die Entfernung war doch zu groß. Auf Behrends Initiative gehen auch zwei Stiftungen des Barons von Berenberg-Goßler zurück. 1906 bekommt der Neue Friedhof eine Kapelle und 1913 wird im Niendorfer Kirchenweg eine „Warteschule" eingerichtet, ein Tagesheim für Kinder vom 3. Lebensjahr bis zur Schulpflicht. Heute befindet sich in dem Gebäude das Bürgerhaus Niendorf.

Behrend war auch der Begründer der Gemeindediakonie in Niendorf und hatte als Schulinspektor 28 Klassen zu betreuen. In seine Zeit fiel natürlich der 1. Weltkrieg, und während dieser Zeit, 1912-15, die Abtrennung von Lokstedt aus dem Gemeindegebiet. Und noch in seinem letzten Dienstjahr veranlasste er die Aufstellung des Denkmals für die Gefallenen auf dem Alten Friedhof.

Unter seinem Nachfolger Karl F. W. Schetelig (1924-1929) wird die Kirche in stilreinem Barock neu ausgemalt.