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Begleitende Texte

Begleitung

Mit dem Tod der Anderen leben

"Warum gehst Du eigentlich zum Trauercafé? Das klingt so abschreckend!" Solche Reaktionen erlebe ich manchmal, wenn ich von unserer Gruppe am Samstagvormittag erzähle.

Einmal im Monat treffen wir uns. Manchmal muss ich mich überwinden: Termine wahr zu nehmen, das Haus zu verlassen - all das ist nicht leicht, wenn man alleine ist. An manchen Tagen ist es eine riesige Leistung, ein Bein aus dem Bett zu heben. Aber gerade deswegen tut es gut, diesen einen Ort zu haben und zu wissen, es geht anderen ähnlich wie mir. Das verbindet uns, das schafft auch eine Nähe, das lässt uns Gedanken und Ängste voreinander aussprechen und zeigen, wie es in unseren Freundeskreisen nicht möglich ist. Mitleid und Betroffenheit der anderen ist dort noch einmal anders, weil wir alle wissen, wie unendlich schwer es jetzt ist. Weinen können, sich in den Arm nehmen lassen ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen, was man dem anderen da mit der eigenen Trauer zumutet - wo gibt es das sonst?

Der geschützte Rahmen dieser Gruppe, das Vertrauen, das dort gewachsen ist und an dem die, die neu dazukommen, einfach teilhaben, das tut einfach gut. Keiner wird dort gefordert. Wir müssen nichts tun, nichts einbringen, nichts leisten. Die, die Raum brauchen, bekommen ihn. Irgendwie kommt das auch immer hin, dass für alle Aufmerksamkeit da ist. Manchmal reizt es mich auch, zu diskutieren, der Trauer der anderen und dem Schmerz zu widersprechen.

Trauer bedeutet ja nicht nur, zu leiden. Trauer birgt auch ganz viel Kraft und eine Chance, etwas über sich zu erfahren und Neues zu erkennen. Trauer birgt auch ein Potential, neu leben zu können. Weil ich mich selber nach Mitgefühl sehne, bin ich anderen Menschen gegenüber sensibler und verständnisvoller geworden. So zu reden, das ist dort möglich. Wir sind ja alle betroffen und es geht darum, voneinander zu lernen und zu entdecken, was jemand geschafft hat oder noch (!) nicht wieder kann. Und wie könnte es bei mir weitergehen?

Das eine Gedeck am Frühstückstisch, der Stuhl, auf dem sie immer saß, ihr Zimmer, das noch so unberührt ist, wie zu ihren Lebzeiten...Wie geht ihr damit um? Wir, die wir trauern, haben in solchen Fragen eine Kompetenz. Wir hören Texte, arbeiten mit Bildern, mit Fotos, die uns helfen, auszudrücken und sichtbar werden zu lassen, was wir direkt gar nicht sagen oder von uns nicht glauben könnten.

Warum ich da hingehe? Kurz: Es tut mir jedes Mal gut. Hinterher geht es mir besser. Ich habe Menschen getroffen, denen ich nahe sein konnte und sie mir. Mit einigen spreche ich oder verabrede ich mich auch inzwischen unabhängig von „unseren" Café-Vormittagen. Und das ist viel.

Paul Lefering