SCHLIESSEN

Suche

Begleitende Texte

Lebensstationen

Begegnung mit dem Tod

Wir hatten ihn aus dem Krankenhaus nach Hause geholt. Die Ärzte konnten nichts mehr tun, mein Großvater hatte Magenkrebs. Ein Arzt kam regelmäßig, um nach ihm zu sehen und seine Schmerzen zu lindern.

Er freute sich, wenn er den Blick auf den Garten richtete. Der Hund kam in sein Zimmer, der Kater schlief zu seinen Füßen. Es schaute immer jemand bei ihm herein. Er war nicht allein.

Er nahm Abschied und erzählte uns seine Lebensgeschichte. Vieles hatte er noch nie jemendem erzählt. Wie es war, damals im Krieg, getrennt von der Familie, keine Nachrichten von zu Haus. Und später, wie er loszog, um Nahrungsmittel zu besorgen. Trotz seines schweren Lebens war viel Schönes darunter: Wie er gelebt hatte, mit seiner Frau bis zuletzt.

Nun waren seine Tage gekommen. Man hörte es an seinem schweren Atem. Er stöhnte und war nur noch zwischendurch ansprechbar. Dann aber war er ganz klar. Schmal war er geworden, sein Gesicht spitz, weißlich und trotz der Medikamente oft schmerzverzerrt.

Nichts essen und nichts mehr trinken wollte er. Das war klar, als er seinen Mund fest zusammenpresste, wenn wir ihm etwas anboten. Er brauchte seine Ruhe und seine Zeit.

Und dann war es mit einem Mal ganz still im Hause. Eine Stille breitete sich aus, die fassbar war. Wir gingen zu ihm. Meine Mutter nahm einen kleinen Spiegel, hielt ihn ihm vor den Mund. Doch kein Hauch war mehr zu sehen. So wie zuletzt, die Augen halb geöffnet, den Mund halb offen, aber eine große Erleichterung auf dem Gesicht, lag er vor uns. Wir holten die Blumen näher an seinen Tisch, zündeten eine Kerze an und beteten das Vaterunser. Nichts war abgesprochen oder beredet worden. Wir taten das, was für uns nahlag. Dieser Tod hatte etwas Erlösendes, die Ruhe und eine gewisse Feierlichkeit beeindruckten uns.

Dann rief meine Mutter den Arzt an. Er kam, befragte uns kurz, stellte den Totenschein aus. Der Anruf beim Beerdigungsübernehmer hatte Zeit bis zum nächsten Tag. Die Ruhe tat allen gut. Wie oft hatten wir das Bettzeug gewechselt, hatten zu ihm geschaut, ihn gewaschen und gelagert. Die hektische Betriebsamkeit war zu Ende. Der Tod brauchte Raum, damit auch wir ihn begriffen.

Bevor wir ein Bestattungsinstitut anriefen, erkundigten wir uns vorher bei unserem Pastor. Wir wollten uns nicht zu etwas überreden lassen, keine falschen Töne hören. Hatten viel Nachteiliges schon erlebt.

Wir brauchten Zeit. Zeit, bis wir Abschied genommen hatten von unserem toten Großvater. Bis wir seinen Leichnam weggeben konnten. Der Bestattungsunternehmer war eine Wohltat. Ein pragmatischer Mann, der in aller Ruhe mit uns sprach, unsere Wünsche respektierte und uns wirklich beistand.

"Unser Vater und Großvater ist tot", schrieben wir zum Verdruss einiger Verwandten in die Zeitung. Es war ihnen zu direkt. Aber es traf unsere Erfahrung. Mein Großvater war tot.

Fanny Dethloff-Schimmer