SCHLIESSEN

Suche

Reformation und die eine Welt

Christ sein bedeutet für mich: Keine Angst!

Foto: Rolf Strassmann

Interview mit Mohsen

präsent: Mohsen, du stammst aus dem Iran. Deine Familie ist muslimisch. Wie hast du den christlichen Glauben kennengelernt?

Mohsen: Ich bin mit dem Islam und dem Koran aufgewachsen. Aber ich hatte viele Fragen, auf die ich keine Antworten gefunden habe. Da habe ich weiter gesucht – alles im Internet! Ich habe mich mit dem Zoroastrismus beschäftigt, mit dem Buddhismus und anderen Religionen. Aber das war alles nicht richtig. Schließlich habe ich die Bibel gelesen. Und ich wusste: das ist richtig. Dort habe ich keinen falschen Satz gefunden. Als Christ darfst du nicht töten! Jesus hat gesagt, dass Menschen die Schuld vergeben wird. Das sind alles Beispiele für das, was mich angesprochen hat. Gott ist Erbarmen und Liebe. Und ich wusste: Ich möchte Christ sein.

präsent: Hast du denn keine Gemeinde gehabt, niemanden, mit dem du dich über den christlichen Glauben austauschen konntest?

Mohsen: Nein. Ich habe alles über das Internet gelernt. Nur mit einem Freund habe ich darüber gesprochen, ihm konnte ich vertrauen. Im Iran ist es ein Risiko, wenn man eine andere Religion annimmt.

präsent: Was hat deine Familie dazu gesagt?

Mohsen: Meine Familie hat es akzeptiert. Meine Mutter hat mich fortgehen lassen, denn ich war in dieser Zeit schon zweimal im Gefängnis gewesen. Aber nicht wegen meines Glaubens. Ich hatte das Bild eines verbotenen Sängers an die Wand meines Ladens gehängt. So bin ich losgegangen. Zu Fuß, mit dem Zug, mit dem Boot. Der Weg war sehr gefährlich. Ich möchte das alles vergessen!

präsent: Hat dir dein Glaube geholfen in der Zeit?

Mohsen: Der wichtigste Satz in der Bibel ist für mich: Keine Angst! Es steht dort 365-mal. So viele Tage gibt es im Jahr! Als Christ brauche ich keine Angst zu haben. Das tut mir gut. Hier in Hamburg im Flüchtlingscamp habe ich andere Christen getroffen. Durch sie habe ich eine iranische Gemeinde kennengelernt. Ich bin am Sonntag oft hier in Niendorf in der Kirche. Und danach fahre ich nach Poppenbüttel in die iranische Gemeinde. In dieser Gemeinde bin ich auch getauft worden.

präsent: Hat sich durch die Taufe etwas für dich verändert?

Mohsen: Ja, es fühlt sich jetzt anders an als vorher. Es ist wie Geburtstag. Ich bin neu geboren. Jetzt bin ich sicher, dass ich zu Jesus gehöre und Jesus zu mir. Vorher wusste ich nicht: Bin ich noch Moslem oder nicht? Jetzt weiß ich es. Ich habe meinen ersten Glauben hinter mir gelassen. Trotzdem werde ich weiterhin Fehler machen. Aber das ist nicht schlimm. Ich versuche, keine Fehler zu machen. Und ich weiß: Gott vergibt dir, wenn du etwas falsch machst.

präsent: Deine Taufe fand in einem See statt. Da wurdest du ganz unter Wasser getaucht. Wie war das für dich?

Mohsen: Das war gut für mich. Das Wasser hat alles abgewaschen, was vorher war. Meine Vergangenheit, die Flucht, das ist weggespült. Und ich fühle mich mit Jesus verbunden.

präsent: Die Gottesdienste in den Niendorfer Kirchen und in der iranischen Gemeinde sind ja sehr verschieden…

Mohsen: Ich mag die Kirchen hier in Niendorf. Die Kirche am Markt ist sehr schön. Die Gottesdienste sind jedoch nicht so modern. Im iranischen Gottesdienst haben wir Musik über den Computer und mit dem Beamer werden Bilder aus dem Iran gezeigt. Wir stehen auf beim Singen und klatschen dabei. Eigentlich müsste man auch tanzen. Das gefällt mir.

präsent: Jemand aus der Iranischen Gemeinde in Poppenbüttel erzählte, wie sehr er Martin Luther schätzt und in seine Gebete einbezieht, denn Martin Luther hat sich dafür eingesetzt, dass Gottesdienste in der Sprache der Gläubigen gehalten werden. Was bedeutet die Sprache für Dich?

Mohsen: Der iranische Gottesdienst ist in Farsi. Es ist meine Muttersprache, die ich dort höre und spreche. Ich sehe die Bilder aus meiner Heimat. Der Iran ist ein sehr schönes Land. All das tut mir gut.

präsent: Du lebst seit 9 Monaten hier in Deutschland, kannst du dir vorstellen, in den Iran zurückzukehren?

Mohsen: Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen. Leider. Denn ich vermisse meine Heimat, mein Land, meine Familie. Ich vermisse iranisches Essen. Aber vielleicht gibt es hier eine Zukunft für mich.

Neugieriger werden!

Interview mit Axel Matyba 

präsent: Axel, Du bist als Pastor Beauftragter der Nordkirche für den christlich-islamischen Dialog. Was verbindest Du als erstes mit dem Thema Islam?

Axel Matyba: Menschen, für die der Islam wichtig ist: Muslime! Eine Religion, ein Glaube an sich ist recht abstrakt. Da kann ich spannende Bücher lesen und mich mit interessanten Gedanken auseinandersetzen. Farbig und konkret wird die Beschäftigung mit einer anderen Religion, wenn ich Frauen und Männer kennenlerne, die mir von dem erzählen, was sie unmittelbar angeht, die mir davon berichten, was sie glauben, wie sie beten, welche Bedeutung ihr Glaube in ihrem Leben bisher gehabt hat und in Zukunft spielen soll. Und da habe ich konkret Menschen vor Augen – hier in Hamburg oder auch in Kairo, wo meine Familie und ich länger leben durften.

präsent: Du bist seit drei Jahren Beauftragter für den christlichislamischen Dialog in der Nordkirche. Wie erlebst Du diesen Dialog?

Axel Matyba: Ich bin dankbar und froh, wie lebendig und vielfältig dieser Dialog in unserer Kirche gelebt und bedacht wird – ob nun im Interreligiösen Gesprächskreis in Kiel oder bei spannenden Gemeindeabenden in Mecklenburg-Vorpommern. Und dann die weit über siebzig muslimischen Gemeinden in Hamburg, von denen sich viele aktiv in den Dialog einbringen: Wie oft war ich mit Jugendlichen schon in der Centrumsmoschee in St. Georg oder auch in der Blauen Moschee an der Außenalster zu Gast. Oder die Flüchtlingsarbeit der Al-Nour Gemeinde in der Nähe des Hauptbahnhofs, die in enger Kooperation mit christlichen Gemeinden erfolgt. Oder meine gemeinsamen Besuche mit Imamen in Schulen, Gemeinden oder bei der Polizei. Und nicht zu vergessen gemeinsame Koranlektüren, Friedensgebete, Einschulungsfeiern usw. Da kann man schon ins Schwärmen kommen!

präsent: Hat die Begegenung mit dem Islam die Sicht auf Deinen eigenen Glauben, auf das Christentum verändert?

Axel Matyba: Ich empfinde es so, dass der Dialog meinen Glauben schärft, mich noch bewusster Christ sein lässt. Warum? Ich bin im Dialog herausgefordert, von meinem Glauben zu erzählen, ihn zu erklären. Das ist für mich das Geschenk des Dialogs. Und die Begegnung mit Menschen, die ihren Glauben anders ausdrücken und feiern, macht – finde ich – demütiger. Demütig in dem Sinne, dass ich noch stärker erkenne: Mein Glaubensweg ist einer: nämlich meiner. Gott ist und bleibt auch der ganz Andere. Und da gibt es andere Gottessucher neben und mit mir – und das ist schön!

präsent: Welche Bedeutung haben die Islamischen Gemeinden in HH aus Deiner Sicht für das Miteinander in unserer Stadt?

Axel Matyba: Ich erlebe die muslimischen Gemeinden als wichtige Partner für unsere Hamburger Zivilgesellschaft, die wir weiter aufbauen und pflegen müssen, gerade jetzt, wo viele Flüchtlinge in unsere Stadt kommen, die unsere gemeinsamen Anstrengungen brauchen, damit auch sie sich heimisch fühlen. Dann sind für mich muslimische Gemeinden wichtige Bündnispartner, wenn es darum geht, dass Religion, dass die Rede von Gott, mitgedacht wird in unserer Stadt. Wer sich als gläubiger Mensch Gott, seiner Schöpfung und seinen Mitmenschen gegenüber verantwortlich fühlt, der ist hoffentlich bereit und fähig, einmal von sich selbst abzusehen und der Stadt Bestes in den Blick zu nehmen.

präsent: Wie können wir uns besser über islamische Reaktionen und Positionen  informieren?

Axel Matyba: Ich wünsche mir, dass wir neugieriger werden, mehr von den Muslimen in dieser Stadt zu erfahren, was sie denken, was sie fühlen, wiie sie ihren Glauben leben. Warum nicht einmal öfter Menschen muslimischen Glaubens zum Gespräch einladen, mit iihnen in den Stadtteilen noch mehr zusammen feiern und überlegen, was konkret in der jeweiligen Nachbarschaft dran ist. Und die offene Tür muslimischer Gemeinden sollten wir nutzen: Nicht nur am Tag der Offenen Moschee, am 3. Oktober, sind Interessierte eingeladen, vorbeizuschauen, nachzufragen oder auch nur mal einen Tee zusammen zu trinken.

präsent: Danke für das Gespräch und Deine Ermutigung, neugierig zu werden!

Pastor Axel Matyba ist Referent im Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche

Weitere Informationen finden Sie unter:www.nordkirche-weltweit.de/interreligioeser-dialog/christlich-islamischer-dialog.htm

Christians by Continent - 1910 and 2010

Info-Grafik: Todd M. Johnson and Kenneth R. Ross, Atlas of Global Christianity

 

Die Zahl der Kirchen der Reformation weltweit sind beeindruckend: 144 Kirchen mit 72 Millionen Mitgliedern sind im lutherischen Weltbund zusammengefasst, 227 Kirchen mit 80 Millionen Mitgliedern im Reformierten Weltbund (reformiert und uniert). Im Gesamtbild aller 2,18 Milliarden Christinnen und Christen stellen sie jedoch nur einen – und dann auch kleiner werdenden – Teil der Weltchristenheit dar.

Doch die großen Kirchen sind charismatisch geprägt (279 Millionen) oder Pfingstler (305 Millionen). Gleichzeitig ist deutlich: Die Verteilung der Christinnen und Christen weltweit hat sich dabei in den letzten 100 Jahren vollständig verändert. Man spricht vom „Shift of Gravity“, von der Verschiebung des Christentums in den globalen Süden. Das bedeutet mehr als nur eine geographische Verschiebung.

Zunehmend wird das Christentum vom asiatischen und afrikanischen Kontext geprägt werden. In gewisser Weise kehrt es damit zu seinem ja gerade nicht europäischen Ursprung zurück. Uns in Europa erreichen dadurch neue reformatorische Impulse aus den Kirchen des Südens.

Wie kann es eine Klimagerechtigkeit geben? Wie eine Wirtschaftsgerechtigkeit? Wie wird es uns gelingen, in der Vielfalt Verbindlichkeit und Gemeinschaft zu leben? Das gilt es gemeinsam als Christinnen und Christen der einen Welt zu entdecken.

mg Quelle: Die Kirchen der Reformation, Cordelia Kopsch. In: EKD, Das Magazin zum Themenjahr 2016