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Erstkommunion und Aschekreuz

 

 

 

 

Als deutsche Lutheranerin in einer lutherischen Kirche in den USA

Meinem katholischen Ehemann fiel es sofort auf, als wir am ersten Sonntag in die helle, moderne Kirche eintraten: Vorne im Chorraum brannte das Ewige Licht. Und wenn auch die vorgezogenen Altäre durchaus auch inzwischen manche evangelische Kirche in Deutschland auszeichnen – dennoch war es ein eher aus katholischen Gemeinden vertrauter Anblick.

Ebenso der Einzug von Pastoren, Vikar und den Schülerinnen, die das Kreuz vorweg trugen: „Messdienerinnen“ - alle in weißen Gewändern. Vorsichtshalber sah ich noch einmal auf die Ordnung. Nein, da stand eindeutig: Lutheran Church of the Cross. LCC. Charles hatte sie uns vorne am Eingang in die Hand gedrückt. Seine Aufgabe ist es, neue GottesdienstbesucherInnen so wie uns zu begrüßen, durch den Vormittag zu begleiten und im Gottesdienst vorzustellen.

Die Prozession war inzwischen beendet und nahm im Chorraum Platz. Auch diesen Anblick verbinde ich eher mit katholischen Kirchen: Ein voller Chorraum – denn neben den Messdienerinnen, den beiden Pastoren und dem Vikar tummelten sich dort weitere AkteurInnen wie Chor und SolistInnen. Dass jeden Sonntag Abendmahl gefeiert wurde – und stets in Form eines Wandelabendmahls, das bemerkten wir im Laufe der Zeit. Dass die Liturgie im Wechsel mit der Gemeinde fast vollständig gesungen wurde, einschließlich der Einsetzung, das durften wir bereits am ersten Sonntag erleben. Es war bewegend und beflügelnd und wunderwunderschön. Nie wieder habe ich mich so als Teil eines großen Ganzen erfahren: Gott, Gemeinde, das Fest, das wir feiern. „Now the feast and celebration…”

Dass bei uns im Gottesdienst griechisch gesungen wird, wurde von den amerikanischen LutheranerInnen etwas fassungslos zur Kenntnis genommen. Ebenso, dass ich bei ihnen meinen ersten lutherischen Aschermittwochs-gottesdienst feierte, mein erstes Aschekreuz empfing und meine erste lutherische Palmsonntagsprozession erleben durfte – mit Esel! Allerdings verpassten wir die Hosiannarufe, weil wir uns hinten so angeregt unterhielten.

„Was macht ihr denn als Lutheraner in Deutschland?“ fragten sie mich. „Jedenfalls keine Erstkommunion – und keine Rucksacksegnung zum Schulbeginn“, so meine Antwort. Das ist bei uns katholisch. Umgekehrt konnte ich nicht begreifen, dass es keine Übersetzung der Lutherbibel gibt. Es gibt eine Fülle an Übersetzungen und die Pastoren regten die Gemeinde zum Vergleich an. Was für ein Wirbel dagegen bei uns um die „Bibel in gerechter Sprache“. Kein Verständnis dafür in der LCC. Dafür kam der Vikar mit dem großen Katechismus in die Bibelstunde. „Was willst du damit?“ fragte ich ihn. Mein Exemplar steht seit Jahren unbenutzt im Regal – seines war sein regelmäßiges Arbeitsbuch mit Notizzetteln und Eselsohren. Gnade und Liebe Gottes stehen für ihn als angehender lutherischer Pastor an erster Stelle. Gerechtfertigt zu sein und nichts, aber auch gar nichts dafür tun zu können, ist Ausgangspunkt lutherischen Denkens und Handelns. Nirgendwo sonst habe ich so regelmäßig Lutherzitate in Predigten gehört wie dort! Befreiungstheologische Ansätze wurden von daher eher in Frage gestellt. Und umgekehrt meine Anfrage an die Allmacht Gottes angesichts des Holocaust nicht nachvollzogen. Das Thema des Genozids an den amerikanischen Ureinwohnern durch die europäischen Besatzer haben wir vorsichtshalber nicht weiter vertieft.

Gleichzeitig faszinierte die Gemeinde, wie sehr wir uns als deutsche Kirche sozial engagieren und öffentliche Verantwortung übernehmen. „Das fängt bei uns erst an“, erklärte Lynn, eine sehr engagierte Ehrenamtliche, die u.a. die Spenden für Bedürftige in der Gemeinde organisiert. „Lutherisch“ – so lernte ich in den 6 Monaten in den USA – ist durchaus vielfältiger als das, was ich in meiner deutschen Gemeinde lebe. Mein katholischer Ehemann sieht sich zwar seitdem bestätigt darin, wie sehr wir uns in Deutschland vom ursprünglichen Luthertum entfernt haben. Doch deutlich wurde uns auch, wie wenig der „Name“ etwas über eine einzelne Gemeinde aussagt. Gerade in einem Land wie den USA, in dem die ChristInnen in eine Vielzahl von Kirchen aufgeteilt sind und sowohl der Übertritt von der einen in die andere als auch zwischen den Religionen oftmals mehrfach in einem Leben vollzogen wird, hat jede Gemeinde die besondere Herausforderung, ein eigenes, einladendes Profil zu entwickeln. Wir kirchensteuerverwöhnte deutsche Gemeinden haben da noch einiges vor uns.

Maren Gottsmann