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Jüdisch-Christlicher Dialog

Erinnern und Gedenken 9. November 1938

Schamor we sachor,

erinnere und gedenke, ist eine Aufforderung, die in der  jüdischen Bibel, der Tora und damit im Alten/ ersten Testament der christlichen Bibel  immer wieder vorkommt.  Eine besondere Bedeutung hat dabei für uns als Christinnen und Christen der 9. November 1938, die Reichspogromnacht. Der Beginn der öffentlichen Vernichtung eines Teiles der deutschen Bevölkerung. Ein Test der Nationalsozialisten; Wie weit würden sie gehen können, was würde mitgetragen. Die Pogrome, bei denen Menschen ermordet, auf offener Straße brutal verletzt und in Konzentrationslager verschleppt wurden, bei denen die jüdischen Gotteshäuser brannten, zeigten: Die deutsche Bevölkerung würde alles mittragen.  

Das Gedenken dieses Tages wird von uns seit vielen Jahren in geschwisterlicher Verbundenheit mit der liberalen  jüdischen Gemeinde in Pinneberg begangen. Wir stehen in der Verantwortung, dass sich solches Grauen nicht wiederholen wird. Der Gottesdienst an diesem Tag , der gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Ohmoor gestaltet wird, ist ein guter Anfang.

9. November, 19.00

Verheißungskirche, Sachsenweg 2

Alina Doval Link - "ihr seid Juden"

Zur Vorbereitung des Gedenken der Pogrome am 9. November 1938 haben wir uns mit der 1929 geborenen Marianne Wilke getroffen, begleitet wurde sie von ihrem liebevoller Ehemann. 

Sie war etwa sieben Jahre alt, als die anderen Kinder vor ihr und ihrem Bruder wegliefen und riefen: „Ihr seid Juden“. Damals wussten sie noch nicht, welche Auswirkungen das auf ihr Leben haben sollte. Die Erwachsenen besprachen die zwei Hauptfragen: „Geht es noch schlimmer?“ und: „Müssen wir fliehen?“. Jahrelang gab es darauf die Antwort des Großvaters: „Keine Sorge, ich habe das Eiserne Kreuz 1“. Das EK 1 war die höchste Anerkennung für einen Soldaten, die man erlangen konnte, wenn man im Ersten Weltkrieg an der Front für Deutschland kämpfte. Das EK 1 gab ihm Sicherheit. Philipp Lehmann war stolz, ein Deutscher und auch Soldat zu sein. 

Am 9. November 1938 sah auch er ein, dass es klüger wäre, zu fliehen. Tagtäglich spürten die sogenannten „Halbjuden“, wie schlimm das Leben für sie war, auch in der Schule. Glücklicherweise gab es eine mutige Lehrerin im Leben von Frau Wilke und ihrem Bruder, die ihnen beistand. Die Naziideologie spürte man in jedem Schulfach deutlich. Ob man ein Nazigedicht im Deutschunterricht auswendig lernen musste, Handgranatenweitwurf im Sport ausgeführt hat oder über angeblich deutsches und jüdisches Blut im Biologieunterricht unterrichtet wurde. Für Marianne Wilke als sogenannte „Halbjüdin“ war es eine tägliche Tortur, diese Hetze zu erfahren. 

Diese „Glaswand“, die sie von den anderen Schülern trennte, isolierte sie viele Jahre. Ohne soziales Leben und mit den Einschränkungen hatte das Leben den Reiz verloren. Das Radio musste die jüdische Bevölkerung 1938 abgeben, kurz danach kam das Ausgehverbot nach 20 Uhr. Ab 1940 war es ihnen verboten, öffentliche Verkehrsmittel sowie das Fahrrad zu benutzen. Auch das Einkaufen wurde zu einer Herausforderung, da auf den Essensmarken ein großes „J“ für Jude prangte und sie in vielen Läden nicht erwünscht waren. Deswegen ging sie oftmals für ihre jüdischen Großeltern einkaufen, um ihnen diese Demütigung zu ersparen. Ihr Vater verlor sekne Arbeit. Trotz allem klagte er nie vor den Kindern.

1939 floh ein Bruder des Vaters nach England und es gelang ihm, die jüngere Schwester nachzuholen. Der Überfall auf Polen verhinderte weitere Fluchtmöglichkeiten. Die Großeltern wurden 1941 deportiert, ebenso der ältere Bruder ihres Vaters mit seiner Frau sowie zwei Cousinen. Sie alle wurden ermordet. Auch ihr Vater wurde am Ende des Krieges deportiert, nachdem im Januar 1945 der Schutz für jüdische Menschen in sogenannten „Mischehen“ aufgehoben worden war. Er überlebte. 

Auch für Marianne Wilke wurde es gefährlich, da jährlich in allen Schulen abgefragt wurde, ob es Juden gebe. Ihre Lehrerin verneinte das jedoch jedes Mal. Als  Marianne Wilke 1943 durch eine Behörde aufgefordert wurde, in einer Fischfabrik zu arbeiten, besorgte  diese Lehrerin ihr eine Stelle als  Hausmädchen. Auch ihr Bruder musste die Schule verlassen, zu seinem eigenen Schutz wurde er von den Eltern in der Wohnung versteckt gehalten. 

Im Mai 1945 kam das langersehnte Kriegsende und somit die Niederlage Deutschlands. Die Zeit des Nationalsozialismus war vorbei. Die braunen Menschen baten nun um einen „Persilschein“. Sie brauchten Unterschriften, die bezeugen sollten, dass sie immer freundlich zu Juden gewesen waren. „Erbärmlich!“. Am 16. Juni 1945 hielt Marianne Wilke endlich ihren Vater wieder in den Armen und fühlte sich frei im Herzen.