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Ev.-Luth. Kirchengemeinde Niendorf

„Ihr seid Juden“

12.10.2017 | Zwanzig Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrganges des Gymnasiums Ohmoor nehmen in diesem Jahr an den Vorbereitungen für das Gedenken an die Shoa teil. Im Rahmen der Vorbereitung war ein Treffen mit Frau Marianne Wilke möglich, die als Zeitzeugin sehr engagiert ist.

Mit der 1929 geborenen Marianne Wilke haben wir uns am 10. Juli zum Gespräch getroffen. Ihr liebevoller Ehemann begleitete sie. Sie war etwa sieben Jahre alt, als die anderen Kinder vor ihr und ihrem Bruder wegliefen und riefen: „Ihr seid Juden!“

Damals wussten sie noch nicht, was das für Auswirkungen auf ihr Leben haben sollte. Oftmals besprachen die Erwachsenen die zwei Hauptfragen: „Geht es noch schlimmer?“ und: „Müssen wir fliehen?“ Jahrelang gab es darauf die Antwort des Großvaters: „Keine Sorge, ich habe das EK1.“ Das Eiserne Kreuz 1 ist für einen Soldaten die höchste Auszeichnung, die man erlangte, wenn man im ersten Weltkrieg an der Front für Deutschland kämpfte. Das EK1 gab ihm Sicherheit. Philipp Lehmann war stolz, ein Deutscher und auch Soldat zu sein.

Am 9. November 1938 sah auch er ein, dass es klüger wäre zu fliehen. Tagtäglich spürten „Halbjuden“, anders ausgedrückt „Halbnicht-deutsche“, wie schlimm es für sie war, auch in der Schule. Doch glücklicherweise gab es eine mutige Lehrerin im Leben von Frau Wilke und ihrem Bruder, die ihnen heimlich nach den vorgeschriebenen Propagandatexten im Unterricht die eigene antinationalsozialistische Sicht mitteilte. Die bizarre Nazi-Ideologie spürte man damals in jedem Schulfach deutlich, ob man ein Nazi-Gedicht im Deutschunterricht auswendig lernen musste, Handgranaten- Weitwurf im Sport übte oder über deutsches und jüdisches Blut im Fach Biologie „aufgeklärt“ wurde. Für Marianne Wilke als Halbjüdin war es eine tägliche Tortur, diese Hetze zu erfahren. Diese „Glaswand“, die sie von den anderen Schülern trennte, isolierte sie viele Jahre. Ohne soziales Leben sowie „Privilegien“ wie z. B. Radio zu hören, hatte das Leben den Reiz verloren.

Die jüdische Bevölkerung musste 1938 ihre Radios abgeben. Kurz danach wurde das Ausgehverbot nach 21 bzw. später nach 20 Uhr eingeführt. Ab 1940 war es ihnen verboten, öffentliche Verkehrsmittel sowie das Fahrrad zu benutzen. Auch das Einkaufen wurde zu einer Herausforderung, da auf den Essensmarken ein großes J für Jude prangte, und sie in vielen Läden nicht erwünscht waren. Deswegen ging Marianne Wilke oftmals für ihre Großeltern einkaufen, um ihnen diese Demütigung zu ersparen. Sie erinnerte sich, dass ihr Vater trotz allem nie vor den Kindern klagte – auch nicht, als er seine Arbeit verlor.

1939 begann sich langsam die Familie zu trennen: Ein Onkel floh nach England und versuchte, Familienmitglieder nachzuholen, was mit der jüngsten Schwester gelang. Doch der Überfall auf Polen verhinderte weitere Fluchtmöglichkeiten. Die Großeltern wurden 1941 deportiert genauso wie der ältere Bruder ihres Vaters mit seiner Frau und zwei Cousinen. Sie alle wurden ermordet. Auch ihr Vater wurde zum Ende des Krieges deportiert, nachdem im Januar 1945 der Schutz für jüdische Menschen in „Mischehen“ aufgehoben worden war. Glücklicherweise überlebte er.

Auch für Marianne Wilke wurde es gefährlich, da jährlich in allen Schulen abgefragt wurde, ob es Juden (Vierteljuden, Halbjuden) gäbe. Ihre Heldin, die lebensrettende Lehrerin, verneinte dies jedoch jedes Mal im Bewusstsein, dass Marianne Wilke ihre Klasse besuchte. 1943 erhielt Marianne Wilke einen Brief mit der Forderung, in einer Fischfabrik unter Aufsicht von Nazis zu arbeiten. Damit wurde ihr Traum einer weiterführenden Schule zerstört. Ihre mutige Lehrerin entschied sich, Freunde nach einer freien Stelle zu fragen, um ihr die Fabrikarbeit zu ersparen. So wurde Marianne Wilke Hausmädchen in einer Gymnastikschule - als unerfahrene 14-Jährige! Auch der Bruder musste die Schule verlassen. Zu seinem eigenen Schutz wurde er von seinen Eltern in der Wohnung versteckt gehalten. Im Mai 1945 kam das langersehnte Kriegsende und die Niederlage Deutschlands. Die Zeit der Nazis war vorbei. Die kleinen braunen Marsmenschen, so Frau Wilke, baten nun um einen „Persilschein“: Sie brauchten Unterschriften, die bezeugen sollten, dass sie immer freundlich zu Juden gewesen waren. „Erbärmlich!“

Am 16. Juni 1945 hielt sie endlich ihren Vater wieder in den Armen und fühlte sich im Herzen frei. Um Frau Wilkes Familie sowie auch den 8.000 anderen ermordeten Juden in Hamburg Respekt zu erweisen, beschlossen wir nach dem berührenden Gespräch, Stolpersteine im Grindelviertel zu putzen. Trotz Regen und Kälte brachten wir manch einen komplett verdreckten Stein zum Leuchten.

Alina Doval Link, Schülerin