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Winternotprogramm

Erfahrungsbericht des Betreuungsteams

28.02.2017 | Von November bis Ende März betreuen wir in der Gemeinde unsere beiden Gäste in den Containern am Sachsenweg, die die Stadt Hamburg dort für diese Zeit zur Verfügung stellt. Wir besuchen sie, versuchen, bei den größeren oder kleineren Sorgen zu helfen. Das Wichtigste ist jedoch, einfach da zu sein und zuzuhören.

Grafik GEP

In diesem Jahr haben wir zwei Damen zu Gast. Die Aufgabe macht Spaß. Meistens. Sie erfordert aber auch viel Feingefühl, denn unsere diesjährigen Gäste kommen nicht so gut miteinander aus und versuchen, uns auf die eine oder die andere Seite zu ziehen.

Wir als Team lernen dadurch, wie wichtig es ist, für beide Gäste in gleicher Weise da zu sein. Denn beide freuen sich, wenn wir ein offenes Ohr haben und kleine Wünsche erfüllen können. Wir lernen auch, dass weniger oft mehr ist und wir mit zu vielen gut gemeinten Angeboten eher Unruhe schaffen. Vielleicht auch, weil es nicht leicht ist, zu empfangen, wenn man selber nicht so viel geben kann.

Wenn wir eine der beiden beim Kochen antreffen, ist es manchmal so, dass sie uns dazu laden. Manchmal macht eine der Frauen einfach den Stuhl frei in dem vollgepackten Raum oder wir bekommen eine Möhre mit für den Heimweg. Da spüren wir, wie wertvoll es ist, selber auch Gastgeberin sein zu dürfen, und nicht immer nur Gast. In regelmäßigen Teamtreffen tauschen wir uns über unsere Erfahrungen aus. Dort haben wir gute Gespräche und können uns gegenseitig mit guten Anregungen und auch mit manchen kritischen Fragen weiterhelfen. Wir erleben Menschen, die durch ihre Lebensgeschichten viele Verletzungen erfahren haben. Sie reagieren anders, als wir es aus unserem üblichen, bürgerlichen Umfeld gewohnt sind. Und schnell sind Menschen in Schubladen: psychisch krank, typisch obdachlos… Es ist gut, dass wir uns im Team gegenseitig ermutigen, den Blick für unsere Gäste von solchen Etiketten zu befreien.

Manchmal scheinen wir aus verschiedenen Lebenswelten zu kommen. Das ist nicht immer so leicht auszuhalten. Wir erleben, dass vieles sehr viel Zeit und Geduld braucht und wie schwer es ist mit dem Frieden, wenn sich schon zwei Menschen so schwer tun, ihr Miteinander zu arrangieren. Wie soll es da in der Welt gelingen?

Bei anderen Teams in Hamburg bekommen wir mit, dass dort viele Anforderungen an die Gäste gestellt werden, wie sie sein sollen und wie nicht. Wir haben das bisher nicht gemacht. Schließlich geht es doch darum, Menschen, die sonst auf der Straße leben, über die Wintermonate zu unterstützen, ihnen einen warmen und - besonders für die Frauen - einen vor Gewalt und Übergriffen sicheren Raum anzubieten. Wenn das auch in diesem Jahr für unsere beiden Gäste gelingen kann, dann sind wir einfach froh.

Am 1. April kommt dann der schwerste Moment, wenn die Gäste in trockener und sauberer Kleidung mit ihrem ganzen Besitz in Rucksack oder Hackenporsche „vom Hof“ ziehen und wir nichts mehr für sie tun können. Kalt ist es im April ja immer noch. Und der geschützte Raum fehlt nun für sie. Von den früheren Gästen kommt der eine oder andere immer noch mal zu Besuch in den Gottesdienst oder in die Gemeinde. Manchmal trifft man sich hier im Stadtteil oder an ihren Plätzen in der Innenstadt. Das ist schön. Und immer auch bitter. Denn kaum jemand von ihnen wird die Chance bekommen, langfristig in einer Wohnung zu leben und zu erfahren, wie es ist, gebraucht zu werden und gewollt zu sein.

Jutta Michel und Paul Lefering

für das Team Winternotprogramm