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Ev.-Lutherische Kirchengemeinde Niendorf

Die Uhr meiner Mutter

12.10.2017 | Meine Familie lebte in Magdeburg. 1938 war ich gerade sieben Jahre alt geworden. Auf dem Weg zum Schwimmunterricht, zu dem mich meine Mutter brachte, sahen wir merkwürdige Dinge.

In der Nacht waren, für mich völlig unverständlich, Trecker in mehrere Schaufenster gefahren von Läden, die, wie meine Mutter sagte, Juden gehörten. Dazu gehörte auch das Spielzeuggeschäft Karliner, an dessen Fenstern mein Bruder und ich uns immer die Nasen plattdrückten, und das Uhrengeschäft Vaternacht mit vielen Standuhren. Deren Gewichte bewegten sich jetzt im Wind, Ein Klang, als ob sich die Uhren über das Unrecht beschweren wollten, das ihnen in dieser Nacht zugefügt worden war.

Vor dem Spielzeuggeschäft fand ich eine winzige Mundharmonika. Meine Mutter verbot mir, sie aufzuheben, was ich nicht verstehen konnte. Später sprach man von dieser Nacht als „Reichskristallnacht“. In der Schule hörte ich ein Mädchen sagen, dass man Lampenschirme aus der Haut der verhassten Juden mache. Als ich das meiner Mutter erzählte, verbot sie mir, das jemals wieder zu erwähnen. Ich habe meine liebe Mutter nie so aufgeregt und böse erlebt und verstand sie überhaupt nicht. Erklärungen gab es nicht.

Winter 1945. Meine Mutter lag krank im Bett. Das Schlafzimmer war dunkel, denn es gab nur Pappe vor den von Bomben zerstörten Scheiben. Es klingelte. Ich wurde zum Öffnen geschickt. Als ich es tat, stand draußen ein großer, sehr magerer schwarzgekleideter Mann. Ich bekam Angst und knallte die Tür gleich wieder zu. Meine Mutter überredete mich zu einem zweiten Versuch, ich sollte nach dem Namen fragen. Er lautete: Vaternacht.

Meine Mutter verlangte, den Herrn zu ihr ins Schlafzimmer zu führen, was mich sehr wunderte. Herr Vaternacht war sehr, sehr mager, wie ein Gerippe, was wohl auch zu meiner Angst beigetragen hatte. Um der Kälte zu trotzen, steckte er in einem langen Militärmantel, der ihm bis auf die Füße ging. Bei meiner Mutter angekommen, zog er ihre goldene Armbanduhr aus seiner Tasche. Mutti hatte sie ihm kurz vor seiner Verhaftung zur Reparatur gebracht. Er hatte die Uhr über´s Wochenende in seine Wohnung genommen, wo sie „überlebte“.

Herr Vaternacht erzählte von seiner Zeit in Buchenwald und der Befreiung durch die Alliierten. Davon kann ich aber
nichts erzählen, denn ich wurde mit einer nichtigen Mission aus dem Zimmer geschickt. Viel später machte ich eine
Reise durch Polen und sah Buchenwald mit eigenen Augen und bekam eine Ahnung von seinem Martyrium.

Da ich keine Erklärungen über Juden bekam, machte ich mir meine eigenen Gedanken. Nach diesem Erlebnis konnten sie doch gar nicht so schlimm sein. Man hörte immer, sie wären nur hinter dem Geld her, seien unredlich
und verschlagen. Ich habe viel später meine Mutter gefragt, warum sie mir keine Erklärung gegeben hatte. „Ich
hatte die Verantwortung für die Familie und Angst vor den Nazis“, sagte sie.

Mein Vater war im Krieg, beide Brüder von mir waren von der Schule weg eingezogen. Mein ältester Bruder, 18
Jahre, zu den Panzern, mein jüngerer Bruder, 16 Jahre, zu den Flackhelfern. Sie gelten beide als vermisst.
Mein Vater kam krank und gebrochen 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Und ich? Ich schrecke heute noch
auf, wenn ich eine Sirene höre. Denn ich habe viele Nächte meiner Jugend nicht geschlafen, sondern im Luftschutzbunker verbracht.


Hannelore Stromeyer